Was ist eigentlich Fütterung?

Im Kanton Graubünden wird die Winterfütterung von Schalenwild ab 2017 verboten. Aktuell finden sich immer noch Futterkrippen im Wald. Hier werden Hirsche und Rehe ab Wintereinbruch bis ins Frühjahr mit Heu, Emd, Salzlecksteinen und Silage, Obsttrester, Mais, Rüben, Kartoffeln, Kraftfutter oder Pellets gefüttert. Doch auch im Siedlungsraum finden Wildtiere im Winter zahlreiche Nahrungsquellen, die vom Menschen meist unbewusst dargeboten werden: Siloballenlager, die nicht eingezäunt sind, offener Kompost im Garten, Abfallsäcke auf der Strasse oder eine frei zugängliche Grüngutdeponie.

Dabei ist die Winterfütterung nicht nötig – im Gegenteil. Langjährige Erfahrungen zeigen, ohne Winterfütterung geht es dem Wild und dem Wald besser. Mit der Fütterung konzentriert sich das Wild unnatürlicherweise um die Futterstelle, anstatt sich optimal auf die Wintereinstandsgebiete zu verteilen. Die Winterfütterung hat viele, zum Teil dramatische Folgen.

Seuchengefahr für Mensch und Tier.

Die Rindertuberkulose ist eine chronisch verlaufende, bakterielle Infektionskrankheit beim Rindvieh. Tiere und Menschen können daran erkranken. Auch Wildtiere und Haustiere können sich anstecken. Die Tuberkulose konnte in der Schweiz eingedämmt werden. Dies durch intensive Bekämpfungsprogramme bei landwirtschaftlichen Nutztieren. In den letzten Jahren wird bei Rindern und bei Wildtieren wieder vermehrt Tuberkulose festgestellt. Die Ansammlung von Wild bei Futterstellen erhöht die Gefahr der Übertragung von Seuchen. Tuberkulose kann bei Direktkontakt vom Wild auf Nutztiere und von diesen wiederum auf Menschen übertragen werden. Umgekehrt sind Wildtiere empfänglich für Krankheitserreger unserer Nutztiere.

Schäden am Wald.

Winterfütterung führt zu einer Konzentration des Wildes, meist in der näheren Umgebung der Futterstelle. Dort werden sämtliche natürlichen Futterquellen in kurzer Zeit übernutzt. In aller Regel entsteht zudem in der näheren und weiteren Umgebung ein erheblicher Waldschaden, weil die Tiere Jungbäume verbeissen und Baumrinde schälen. Weil das zugeführte Futter oft zu nährstoffreich ist, braucht das Wild faserreiche Zunahrung. Die Waldverjüngung wird verunmöglicht, was die Stabilität des Schutzwaldes gefährdet.

Unbekömmliche Nahrung.

Heu, Silage, Kompost oder Brot sind für Wildtiere ein verlockendes Futterangebot. Es ist aber sehr nährstoffreich und entspricht daher nicht der natürlichen Winternahrung. Hirsche, Rehe und Gämsen haben ihr Verdauungssystem auf die karge Winternahrung eingestellt. Nährstoffreiches Futter kann zu Verdauungsstörungen führen und schaltet den Stoffwechsel auf ein höheres Energieniveau. Damit werden natürliche Sparmassnahmen ausser Funktion gesetzt. Das vermeintlich helfende Futter kann so zur tödlichen Falle werden.

Stress und soziale Spannungen für Wildtiere.

Futterstellen führen zu Wildkonzentrationen. Das bedeutet für das einzelne Tier Stress und Konkurrenz. Es versucht sich bei stärkeren Tieren durchzusetzen und strampelt gegen schwächere Tiere. Der Energieaufwand für soziale Auseinandersetzungen ist bedeutend und findet in dieser Jahreszeit unter natürlichen Verhältnissen kaum statt. Gerade rangniedere Tiere verlassen die Futterstelle oft mit leerem Magen. Denn haben die Stärkeren gefressen, ziehen diese direkt weiter. Die Rangniederen müssen sich zwischen dem Fressen und der Gruppe entscheiden. Sie bleiben bei der Gruppe und kehren geschwächt von der Wanderung zur Futterstelle zurück ins Einstandsgebiet. Meist verenden sie dann vor Schwäche.

Störfaktor Mensch.

Futterstellen werden meist mehrmals nachgefüllt. Die Hirsche und Rehe halten ihren Stoffwechsel hoch. Das benötigt viel Energie. Schwaches Wild verhungert gar. In der Nähe von Futterstellen wird oft Fallwild gefunden. Auf ihrer Wanderung zur Futterstelle werden den Tieren zudem Strassen und Schienen zum Verhängnis. In Siedlungsnähe gewöhnt sich das Wild an den Menschen. Wildtiere, die ständig gefüttert werden, verlieren ihre Scheu und können sehr aufdringlich werden. Oft bleibt dann nur noch der Abschuss als letzte Möglichkeit.

Wölfe im Schlepptau.

In Gebieten, wo Beutegreifer wie Luchs oder Wolf zurückgekehrt sind, ist die Wildtierfütterung besonders heikel. Futterstellen ziehen viele Wildtiere an und sind daher attraktiv für Grossraubtiere. Futterangebote in Siedlungsnähe können zu Problemen mit dem Wolf führen. Denn dieser folgt seiner Beute – den Rehen und Hirschen – bis in Siedlungen.